Bau- und Kunstgeschichte der
Deutschordens-Kommende im 16. Jahrhundert

Die Siersdorfer Deutschordens-Kommende, Ausschnitt aus einer Radierung von Romeyn de Hooghe, 1700
Heinrich von Reuschenberg (1528-1603) führte die Ballei Biesen, zu der auch die Siersdorfer Niederlassung gehörte, zu neuer Blüte. Seine ausgreifende Bauherrentätigkeit im Dienst des Ordens bezog auch Siersdorf mit ein, wo um 1578 ein prächtiges neues Herrenhaus errichtet wurde. Dieses bildet zusammen mit den Wirtschaftshöfen und der Kirche – letztere mit der qualitätvollen originalen Ausstattung aus dem frühen 16. Jahrhundert – ein einzigartiges Ensemble.

Innenansicht der Kirche
Der Bau eines neuen Herrenhauses in Siersdorf war notwendig geworden, nachdem die Kommende im Geldrischen Krieg 1542 von Söldnern Kaiser Karls V. schwer beschädigt worden war. Erst unter Heinrich von Reuschenberg begannen die Bauarbeiten am Herrenhaus. Die Anregungen vor Ort waren vielfältig: Vor allem Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg hatte durch die Baumeisterfamilie Pasqualini zahlreiche Residenzen aus- bzw. neu bauen lassen. Auch der Bruder Heinrichs, Johann, hatte für den Bau des Reuschenberger Hofes in Jülich nach 1575 möglicherweise auf den jülich-klevischen Landesbaumeister Johann Pasqualini d.Ä. zurückgegriffen. Der Bau in Siersdorf wurde aber von Baumeistern des Deutschen Ordens betreut.
Im Jahr 1902 lenkten die "Kunstdenkmäler der Rheinprovinz" erstmals den Blick auf das renaissancezeitliche Herrenhaus der Kommende. Ausführlich beschreibt Edmund Renard den Baubestand, versagt sich aber einer Wertung bzw. bauhistorischen Einordnung. Erst Richard Klapheck formulierte weitergehende Überlegungen und sah – ausgehend von dem Grundriss – einen Einfluss aus dem französischen Schlossbau. Damit fügt sich die Anlage in seine These von der Beeinflussung der renaissancezeitlichen Baukunst im Rheinland durch Frankreich ein, die er mit dem Namen Joist de la Court verbindet. Er sieht sich an die Schlösser von "Madrid, La Muette, Charlvau und Angerville-Bailleul" erinnert.
Risalit des Herrenhauses im Vorkriegszustand
Das Siersdorfer Herrenhaus ist eine rechteckige Einflügelanlage (etwa 37 x 22 m) mit vier Ecktürmen. Etwa in der Mitte der Schaufassade zum Wirtschaftshof hin befindet sich ein leicht aus der Fassadenflucht tretender Risalit, der das geradläufige Treppenhaus mit Wendepodesten aufnimmt. Der Risalit schließt mit einem Schweifgiebel ab, der durch eine vollplastische Figur bekrönt wurde. Letztere ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Das ehemals viergeschossige Dach wurde ursprünglich von einer Laterne bekrönt.
Während auf regionaler Ebene keine Arbeiten in der Folge von Klapheck erschienen, die sich näher mit der Baugeschichte des Herrenhauses auseinander setzten, ist überregional die Bedeutung als Beispiel für die Übernahme dieses Schlossbautyps aus Frankreich mehrfach diskutiert worden; beispielsweise schreibt Bernheiden: "Eine der ersten im deutschen Sprachgebiet erbauten Einflügelanlagen mit vier quadratischen Ecktürmen ist die Schloßanlage Siersdorf [...] von 1578. [...] Damit beginnt die Etablierung der Einflügelanlage in Deutschland im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts. Mit den Eck- und Treppentürmen verweisen solche Grundrißlösungen auf den Erbhof [von Thedinghausen] und greifen mit der Rezeption der Ecktürme auf französische Vorbilder zurück."
Bedenkenswert sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Uwe Albrecht zu Schloß Tönning, das in den Jahren 1580-1584 für den Herzog von Gottorf errichtet, jedoch schon 1733 abgerissen wurde. Hier finden wir die gleichen Elemente wie in Siersdorf. Auch hier gibt es eine Laterne, aber keinen Risalit. Wichtig ist sein Hinweis, dass sich der Grundriss von Schloß Tönning wohl von Sebastiano Serlios Poggio Reale-Variationen ableitet, hier von dem Entwurf aus seinem "Libro terzo" von 1540. Der Entwurf Serlios hat einen realen Hintergrund: In den Jahren 1487-1493 entstand vor den Mauern Neapels diese Villa nach Plänen Giuliano da Maianos. Unter Berücksichtigung von Planmaterial Baldassare Peruzzis experimentierte Serlio mit Grundrissentwürfen. Diese liegen auch den Jagdschlössern Franz I. in Frankreich zugrunde, die Klapheck fälschlicherweise in Verbindung mit Siersdorf nennt. Albrecht sagt hierzu: "Stellvertretend für viele ähnliche Beispiele mögen im Falle Frankreichs die Landschlösser Martainville (Seine-Maritime, um 1510) und Landifer (Maine-et-Loire, um 1550) stehen. Für Deutschland wären zu nennen: Das Herrenhaus der Deutschordenskommende Siersdorf bei Jülich (Niederrhein, 1578), die Friedrichsburg bei Vohenstrauß (Oberpfalz, 1586-1588) oder auch ein Entwurf von der Hand des hessischen Landgrafen Moritz (reg. 1592-1627) für sein Lustschloß Fahre bei Melsungen."
Zuletzt äußerte sich Ulrich Schütte zur Frage der französischen Ableitung der Einflügelbauten in Deutschland: "Allerdings soll hier nicht eine kontinuierliche Entwicklung – ausgehend von den französischen Donjons über die französischen viertürmigen Kompaktbauten bis hin zu den deutschen Bauten unterstellt werden. Wie bei der Verbreitung französischer Vierflügelbauten legt die genaue Betrachtung des spätmittelalterlichen Burgenbaus die Vermutung nahe, daß die zeitgenössische ′fremde′, Anregung zu einer regelmäßigen Grundrißlösung deshalb so konsequent aufgegriffen wird, weil schon zuvor die Grundlagen gelegt worden sind. Für kleine Anlagen des Adels auf dem Lande sind seit der Spätgotik Einflügelbauten nicht selten, die entweder als Vertreter der festen Häuser oder als Derivate der ′Wohntürme′ zu verstehen sind."
Der von Klapheck hergestellte Zusammenhang ist also haltlos. Vielmehr "ist der langgestreckte Einflügelbau mit Ecktürmen ein Haustyp des niederen Adels, der schon im 15. Jahrhundert entstanden, während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gleichermaßen in Deutschland wie in Skandinavien rezipiert wurde." Eine augenfällige Übereinstimmung im Grundriss mit Siersdorf besteht dabei zum mitteljütischen Herrenhaus Engelsholm aus den 1590er Jahren. (© Guido v. Büren)

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